Schichtstoff

© 2016 Linda Luv

Videoinstallation
3 Videoprojektionen, Soundcollage ‘Ecriture Automatique’

 

Schon längst ist der Stadtboden nicht mehr nur Gehfläche. Über Jahrhunderte hat sich ein Unterboden gebildet, der mit Tunnelsystemen, Kanälen und Metrolinien durchzogen Parallelleben produziert. In unterschiedlichen Geschwindigkeiten überlagern sich Autos, Menschen, Metrolinien, Strom und Wasserleitungen.

Ich laufe durch die Stadt und blicke auf den Boden. Ich blicke hindurch und frage mich nach dem Darunter. Parallelleben. Zeitsprung. Bewegung im Schritttempo. Die Métro schnellt und rauscht. Auf der Strasse darüber wird Vibration spürbar. Und während ich laufe, lenkt mich der Blick, auf vorbeiziehende Schuhe, Räder und Reifen, eine vorüber fahrende Anonymität. Der Wunsch hindurchzuschauen, in die Métro hinein. Wo sich Menschen einer Enge ausstellen, blossstellen und dem Zeitsprung gewillt Intimität preisgeben.

Zeitsprung und Zeit spüren, sitzend und beobachtend in der Métro M2 von Bougainville nach Sainte Marguerite Dromel. Tunnelrauschen, Licht & Graffiti, orange-braunes Interieur als Szenenbild für das Gastspiel wartender Menschen. Im Rhythmus der Wagonbewegung spüre ich eine Leichtigkeit – das Abwarten erzeugt Stillstand – ein Kontrast zu vorbeirauschenden Wänden im flackernden Licht. Plötzlich schwindet der Tunnel und ich fahre in das Ziel hinein. Das Gleis wechseln und gleich wieder zurück. Im Untergrund durch die Stadt. Drei Touren und eine Stunde später verlasse ich die Station und begebe mich an die Stadtoberfläche. Dem Métroplan folgend auf dem Weg von Saint Marguerite Dromel nach Bougainville. Die Zeit dehnt sich in die Länge. Statt Stadt zu beobachten kehre ich in mich. Den Blick nach unten, mit Füssen die schmerzen, Wind der um die Nase weht, im Aufkommen bedrohlicher Regenwolken. Ich weiche Menschen und Markierungen, quere Strassen und Brücken, mit den ersten Tropfen erreich ich das Ziel. Und wie zurück?

Mehrere Aspekte haben mich bei der methodischen Stadterkundung interessiert. Die geografische Parallelität verschiedener Ereignisse und Bewegungsschnellen. Das Beobachten des Verhaltens Menschen unterschiedlicher kultureller und generativer Zugehörigkeiten. Während der breite Bürgersteig und die Weite der Stadt das Ausweichen und Abtauchen in die Anonymität zulassen, gleicht das Szenario im Wagon einer Zwangsperformance. Charakter werden über die Zeit sichtbar, zufällige Begegnungen und stumme Unterhaltung bilden sich heraus. Abneigung oder Zuspruch? Im Zeitsprung bilden sich Beziehungen bis zum Auseinandergehen an der Métrostation. Dann flüchten sie zurück an die Stadtoberfläche und entschwinden in die Anonymität.

 

Sketch der Videoinstallation

 

# # # # #

21. Januar 2018